Liebe Genossinnen und Genossen,

mein Name ist Lea, ich bin 21 Jahre alt und seit ziemlich genau 4 1/2 Jahren in Partei und Jugendverband aktiv. Aktuell bin ich Landesvorsitzende der Linksjugend Niedersachsen und vertrete DIE LINKE. im Rat der Stadt Hannover.

Ich bin mit 16 Jahren eingetreten, weil mich die Ungerechtigkeit in diesem Land nicht mehr ertragen und etwas dagegen unternehmen wollte. Meine Mutter war alleinerziehend, hatte immer mehrere Jobs und musste trotzdem mit Hartz IV aufstocken. Sie hat mich und meine Schwester überall durchgezogen und für mich war mein Eintritt die Chance, für Menschen wie sie zu kämpfen.

Ich habe von Anfang an Verantwortung übernommen, habe mit ganzer Kraft jeden Wahlkampf unterstützt und war in allen möglichen anderen Landesverbänden zur Wahlkampfhilfe. Das Parteiarbeit nicht immer auf Dankbarkeit trifft kennen wir alle. Und wir alle kennen die Konflikte, die hier ständig wieder hochkochen aber irgendwann war die Grenze dessen, was ich zu akzeptieren bereit bin, einfach überschritten.

Auf dem Bundesparteitag letzte Woche bin ich Delegierte gewesen und war gezwungen diesen schon vorzeitig am Samstag zu verlassen. Um die Situation zu erklären, die Stimmung war eine Katastrophe. Eine andere Genossin und ich stellten uns an die Mikros und berichteten nach der Wahl von Janine Wissler, die wegen ihrem Verhalten in Zusammenhang mit #linkemetoo in der Kritik stand, von unseren Missbrauchserfahrungen im Kontext der Partei. Dafür wurden wir ausgebuht, beschimpft und es folgten sogar Drohungen.

Wir beide haben Janine weder vorgeworfen eine Täterin zu sein, noch etwas für das Verhalten irgendwelcher Männer zu können. Dennoch steht der Vorwurf, dass sie zu wenig gegen solche Übergriffe in ihrem Umfeld oder unter ihren Mitarbeitern getan hat und auch zuletzt als Parteivorsitzende zu wenig zur Aufklärung beitrug. Das hat sie auch auf dem Parteitag gezeigt. Bei ihrer 40-minütigen Rede am Freitag, ging es weniger als 2 Minuten um dieses wichtige Thema. In ihrer Rede Samstag fand es auch kaum Platz.

Ihre erneute Wahl als Parteivorsitzende hat mir jede Hoffnung genommen, dass es in dieser Partei eine Mehrheit für eine entschiedene Linie gegen Mackertum und für einen ernstgemeinten Feminismus gibt. Dies hat sich für mich dadurch bestätigt, dass die vom Verband vorgeschlagene jugendpolitische Sprecherin, deren Rede sich mit #linkemetoo beschäftigte, im ersten Wahlgang nicht und im zweiten Wahlgang nur sehr knapp gewählt wurde.

Nach dem wirklich schockierenden Verhalten einiger, hauptsächlich männlicher Delegierter auf dem Parteitag, folgten auf Social Media weitere widerliche Kommentare. Ich solle mich verpissen, sei keine Feministin und hätte es nicht anders verdient, was mir passiert ist. Ersterer hat sich immerhin entschuldigt.

Ich habe jetzt gut eine Woche darüber nachgedacht, wie ich damit umgehe. Bereits vor dem Parteitag hatte die Feindseligkeit mir gegenüber, ein völlig neues Maß erreicht und seit dem Parteitag habe ich jede Hoffnung darauf, dass sich etwas ändern kann verloren. Ich habe mich immer gerne politisch um den besten Weg gestritten und mich mit aller Kraft für die Partei und den Jugendverband eingesetzt.

Voten des Jugendverbandes werden auch in Niedersachsen und auch darüber hinaus permanent übergangen und Feminismus nur dann ins Feld geführt wird, wenn er nützlich ist. Wer mich kennt, weiß dass ich nicht leicht aufgebe und viel verkrafte, aber genug ist genug.

Deshalb trete ich hiermit von all meinen Ämtern in der Linksjugend und in der Partei zurück. Dies betrifft den Landesvorsitz der Linksjugend, die Mandate für den Bundeskongress und den Kreisausschuss, in der Partei mein Platz für den Landes- sowie den Bundesparteitag und den Landesausschuss.

Solange eine solche Kultur in der Partei herrscht und selbst schlimmste Ausfälle nicht sanktioniert werden, sehe ich keine Möglichkeit mich weiter für Die Linke. zu engagieren. Dennoch streite ich weiter für unsere Ideale, werde mein Mandat im Rat der Stadt Hannover behalten und weiter mit voller Kraft ausfüllen und natürlich auch weiterhin Abgaben an meinen Kreisverband zahlen.

Zuletzt möchte ich mich noch bei einigen bedanken.

Mein Co-Vorsitzender Felix und meine Vorgängerin Anni waren mir immer gute Freunde, mit denen die vielen Stunden Arbeit für die Linksjugend wirklich Spaß gemacht haben. Alle Landessprecher*innen der Linksjugend Niedersachsen mit denen zusammenarbeiten durfte, eure Arbeit ist sehr wertvoll. Den Genoss*innen in meinem Kreisverband und Heidi Reichinnek, die grade in Zusammenhang mit meinen schlechten Erfahrungen immer hinter mir standen. Meinen Fraktionskollegen im Rat mit denen man ordentlich und fair streiten kann, auch wenn die Meinungen mal auseinander gehen.

Allen Genoss*innen, die im Jugendverband und für eine bessere Linke kämpfen wünsche ich alles Gute und ganz viel Kraft.

Lea Sankowske